Warum ein guter Lebenslauf noch kein Angebot ist.
Von Margot Goverts – zertifizierte Gründercoachin
Sie haben über Jahre Verantwortung getragen, Teams geführt, Budgets gesteuert und schwierige Entscheidungen getroffen. Jetzt überlegen Sie, diese Erfahrung selbstständig einzusetzen. Als Beraterin, als Interim Manager oder mit einer eigenen spezialisierten Dienstleistung.
Der Gedanke ist nachvollziehbar: Unternehmen brauchen Erfahrung. Sie haben Erfahrung. Daraus müsste sich eine tragfähige Zusammenarbeit entwickeln lassen.
Doch genau zwischen diesen beiden Punkten liegt eine Aufgabe, die viele Führungskräfte unterschätzen.
Die eigene Erfahrung ist noch kein Angebot. Und der Schritt in die Selbstständigkeit ist nicht einfach die Fortsetzung der bisherigen Tätigkeit auf eigene Rechnung.
Ich begleite seit Jahren Führungskräfte auf diesem Weg. Dabei begegnet mir immer wieder ein Muster: Die fachliche Substanz ist vorhanden. Aber die Vorstellung davon, wie daraus ein eigenständiges Geschäft entstehen soll, bleibt zunächst erstaunlich unklar.
Das beginnt häufig nicht bei der Website oder der Kundengewinnung. Es beginnt beim eigenen Rollenverständnis.
„War ich nicht Chef? Warum soll ich jetzt plötzlich Experte sein?“
Hinter dieser Frage steckt mehr als die Suche nach einer passenden Bezeichnung.
Eine Führungsposition gibt einen Rahmen vor. Der Titel beschreibt eine Zuständigkeit. Das Unternehmen stellt Ressourcen bereit. Ein Organigramm macht sichtbar, wo Entscheidungen getroffen werden sollen. Die eigene Rolle ist für andere zumindest grundsätzlich eingeordnet.
Mit dem Schritt in die Selbstständigkeit fällt ein Teil dieses Rahmens weg.
Sie bringen Ihre Fähigkeiten weiterhin mit. Aber weder der frühere Titel noch die Bekanntheit Ihres bisherigen Arbeitgebers erklären automatisch, weshalb jemand Sie jetzt beauftragen sollte.
Das kann irritieren. Besonders dann, wenn sich die neue Tätigkeit zunächst kleiner anfühlt als die frühere Verantwortung. Aus einem großen Geschäftsbereich wird ein einzelnes Beratungsprojekt. Aus einer umfassenden Führungsaufgabe wird ein klar abgegrenzter Auftrag.
Ist das ein Rückschritt?
Nicht zwangsläufig. Zunächst ist es ein Wechsel der Rolle und der wirtschaftlichen Beziehung.
Sie müssen Ihre bisherige Verantwortung nicht kleinreden. Sie müssen aber erklären können, welchen Teil Ihrer Erfahrung ein Auftraggeber heute braucht – und in welcher Form Sie ihn zur Verfügung stellen.
Eine klar begrenzte Leistung macht Ihre Erfahrung nicht kleiner. Sie macht eine Beauftragung konkreter.
Selbstständigkeit ist nicht gleich Selbstständigkeit.
Die Vorstellung „Ich mache mich selbstständig“ lässt eine wesentliche Frage offen: Wie genau möchten Sie künftig arbeiten?
Wer als Interim Manager tätig wird, übernimmt für einen begrenzten Zeitraum eine Führungs- oder Umsetzungsaufgabe. Dazu gehören ein geklärtes Mandat, entsprechende Befugnisse und vereinbarte Ziele.
Wer berät, unterstützt beispielsweise bei einer Entscheidung, analysiert eine Situation oder entwickelt mit dem Auftraggeber ein Vorgehen. Die Entscheidung und die Umsetzung verbleiben je nach Auftrag beim Unternehmen.
Wer eine spezialisierte Dienstleistung anbietet, übernimmt eine definierte Aufgabe und liefert eine vereinbarte Leistung.
Diese Formen können sich ergänzen. Sie sind aber nicht austauschbar.
Es macht einen Unterschied, ob Sie eine Vertriebsorganisation vorübergehend führen, deren Arbeitsweise überprüfen oder die Einführung eines neuen Vertriebsprozesses begleiten. Die erforderlichen Zugänge, die Verantwortung und die Erwartungen des Auftraggebers unterscheiden sich.
Deshalb reicht es nicht, „Beratung, Interim Management und Coaching“ unter den eigenen Namen zu schreiben.
Zuerst muss geklärt werden: Welche Verantwortung wollen und können Sie außerhalb Ihrer bisherigen Organisation tatsächlich übernehmen?
Der Bewerbungsmodus bleibt oft länger erhalten als gedacht.
Viele Führungskräfte beginnen mit vertrauten Aufgaben. Sie überarbeiten ihren Lebenslauf, erstellen ein Kurzprofil und lassen eine Website aufsetzen.
Das ist nicht falsch. Gerade im Interim Management bleiben nachvollziehbare Stationen und Projekterfahrungen wichtig. Sie helfen dabei, Kompetenz und Eignung zu beurteilen.
Problematisch wird es, wenn diese Unterlagen eine Frage beantworten, die der mögliche Auftraggeber so gar nicht gestellt hat.
Der Lebenslauf zeigt: Welche Verantwortung habe ich bisher getragen?
Ein Angebot muss zusätzlich erklären: Welche konkrete Aufgabe übernehme ich für Sie?
Auch bei einer Festanstellung zählen Ergebnisse und Passung. In der Selbstständigkeit müssen Sie jedoch häufig erst mit dem Kunden klären, welche externe Leistung überhaupt benötigt wird. Es liegt nicht immer eine fertig beschriebene Aufgabe vor, auf die Sie sich bewerben können.
Wer vor allem die eigene Laufbahn vorträgt, überlässt diese Übersetzung dem Gegenüber.
Der mögliche Kunde soll dann selbst herausfinden, welches seiner Probleme zu Ihrer Erfahrung passt, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte und weshalb er dafür Geld ausgeben sollte.
Das ist zu viel unausgesprochene Arbeit.
Was aus Ihrer bisherigen Verantwortung ein Angebot machen kann.
Nehmen wir als Beispiel eine Führungskraft, die nach einer Unternehmensübernahme zwei Vertriebsorganisationen zusammengeführt hat.
Im Lebenslauf stehen dazu vielleicht die Anzahl der Mitarbeitenden, die Umsatzverantwortung und die beteiligten Länder. Diese Angaben beschreiben die Größenordnung.
Für ein selbstständiges Angebot muss genauer hingesehen werden:
Wo lag die eigentliche Schwierigkeit? Waren Zuständigkeiten unklar? Haben sich Kundenkontakte überschnitten? Gab es unterschiedliche Vertriebsprozesse? Welche Entscheidungen hat die Führungskraft selbst herbeigeführt? Und welche Voraussetzungen waren dafür notwendig?
Erst daraus lässt sich ableiten, was für einen anderen Auftraggeber relevant sein könnte.
Ein möglicher Ausgangspunkt wäre die Unterstützung einer Geschäftsführung, die nach einer Übernahme Verantwortlichkeiten und Kundenbetreuung im Vertrieb neu ordnen muss.
Damit ist noch kein fertiges Angebot entstanden. Aber die Aufgabe ist erkennbar. Nun lässt sich prüfen, ob das Unternehmen eine Analyse, eine begleitete Umsetzung oder eine Führungskraft auf Zeit benötigt.
Der entscheidende Schritt besteht nicht darin, eine eindrucksvollere Beschreibung Ihrer Vergangenheit zu formulieren. Sie müssen daraus eine Leistung entwickeln, die ein anderer heute beauftragen kann.
Welche Wirkung können Sie unter neuen Bedingungen entfalten?
Zu dieser Prüfung gehört eine Frage, die unbequem sein kann:
Was von meiner bisherigen Wirkung beruhte auf meinen eigenen Fähigkeiten – und was wurde durch die Organisation ermöglicht?
Vielleicht standen Ihnen ein eingespieltes Team, ein bekanntes Unternehmen, spezialisierte Fachabteilungen und ein klarer Entscheidungsrahmen zur Verfügung. Als selbstständiger Anbieter können Sie nicht voraussetzen, dass diese Bedingungen erneut vorhanden sind.
Das entwertet Ihre Leistung nicht. Es hilft Ihnen, realistisch zu bestimmen, unter welchen Voraussetzungen Sie erneut wirksam werden können.
Wer eine Veränderung erfolgreich geführt hat, muss deshalb auch benennen können:
- Welche Entscheidungen muss der Auftraggeber selbst treffen?
- Welche Informationen und Zugänge werden benötigt?
- Wer muss intern Verantwortung übernehmen?
- Welche Ressourcen sind für die Umsetzung erforderlich?
- Was liegt ausdrücklich außerhalb des eigenen Auftrags?
Diese Klarheit schützt beide Seiten. Den Kunden vor falschen Erwartungen – und Sie davor, Verantwortung für Ergebnisse zu übernehmen, deren Voraussetzungen nicht geklärt sind.
Kundengewinnung gehört jetzt zu Ihrer eigenen Verantwortung.
Ein weiterer Teil des Rollenwechsels wird leicht unterschätzt: Sie sind nicht nur für die Leistung verantwortlich, sondern auch dafür, dass daraus wiederholt bezahlte Aufträge entstehen.
Frühere Geschäftspartner kennen Sie möglicherweise als Entscheider oder Auftraggeber. Dass sie Ihre Arbeit schätzen, bedeutet noch nicht, dass sie nun selbst eine Leistung bei Ihnen einkaufen können oder wollen.
Auch ein guter Kontakt zu einem Projektvermittler ersetzt diese Klärung nicht. Vermittler können wichtige Zugänge eröffnen. Sie benötigen jedoch ebenfalls ein verständliches Profil für einen konkreten Bedarf.
Die eigene Aufgabe bleibt bestehen: Gespräche anbahnen, Bedarf verstehen, eine Leistung anbieten und eine Entscheidung herbeiführen.
Das ist kein lästiger Zusatz zur eigentlichen Arbeit. Es ist ein Teil der Selbstständigkeit.
Die Frage lautet deshalb nicht nur: Möchte ich fachlich unabhängig arbeiten?
Sie lautet auch: Bin ich bereit, die Verantwortung für meine Aufträge zu übernehmen?
Was Sie vor der nächsten Überarbeitung Ihres Profils klären sollten.
Bevor Sie weitere Zeit in Unterlagen oder eine Website investieren, beantworten Sie diese Fragen möglichst konkret:
- In welcher Form möchte ich arbeiten?
Als Führungskraft auf Zeit, beratend oder mit einer klar definierten Dienstleistung? - Welche Aufgabe kann ich eigenständig übernehmen?
Nicht meinen früheren Verantwortungsbereich wiederholen, sondern eine tatsächlich beauftragbare Leistung benennen. - In welcher Unternehmenssituation wird diese Leistung gebraucht?
Welcher konkrete Anlass macht externe Unterstützung sinnvoll? - Welche Erfahrung belegt meine Eignung?
Was habe ich persönlich beigetragen, und unter welchen Bedingungen war das möglich? - Welche Voraussetzungen brauche ich beim Auftraggeber?
Welche Befugnisse, Ressourcen und internen Ansprechpartner müssen vorhanden sein? - Mit wem kann ich diese Überlegungen am tatsächlichen Bedarf prüfen?
Wer kennt die betreffende Situation und kann einschätzen, ob eine solche Leistung gebraucht und beauftragt wird?
Sie brauchen darauf nicht sofort perfekte Antworten. Aber Sie sollten erkennen können, wo bereits Klarheit besteht und wo bisher vor allem Annahmen stehen.
Sie beginnen nicht bei null. Aber Sie beginnen in einer anderen Rolle.
Ihre Führungserfahrung bleibt wertvoll. Sie müssen sie weder ablegen noch Ihre gesamte berufliche Identität neu erfinden.
Doch Selbstständigkeit verlangt eine andere Form von Verantwortung. Sie klären nicht nur, was Sie können. Sie entscheiden, welche Leistung Sie anbieten, unter welchen Bedingungen Sie arbeiten und wie Sie dafür Auftraggeber gewinnen.
Der erste Schritt ist deshalb nicht, aus Ihrem Lebenslauf eine Website zu machen. Der erste Schritt ist, aus Ihrer Erfahrung eine klar beschriebene und überprüfbare Leistung zu entwickeln.
Ob daraus ein tragfähiges Geschäft entstehen kann, zeigt sich anschließend im Gespräch mit dem Markt.
Zur grundsätzlichen Einordnung Ihrer beruflichen Neuorientierung finden Sie auf meiner Website den kostenfreien PDF-Ratgeber „Die 10 Marktregeln, die jede Führungskraft kennen muss“. Er behandelt Positionierung und Marktzugang für erfahrene Führungskräfte – die Entwicklung eines selbstständigen Angebots geht darüber hinaus.